Digitale Vernetzung im Gesundheitswesen

Daten sind die neuen Pillen

Von Michael Gneuss · 2021

Die Herausforderungen im Gesundheitswesen werden ohne eine konsequentere Digitalisierung kaum zu lösen sein. Dem Sektor fällt es in Deutschland aber noch schwer, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Die Erfahrungen während der Pandemie könnten nun ein Umdenken beschleunigen.

Symbolbild: Digitale Vernetzung
Digitale Vernetzung kann Fortschritte für die Gesundheit bringen. Foto: iStock / marchmeena29

Das Gesundheitswesen stand schon immer in einem Spannungsverhältnis zwischen stark steigenden Kosten und zunehmenden Chancen in der Therapie und Diagnostik. Doch aus mehreren Gründen werden die Herausforderungen in den kommenden Jahren noch einmal stark steigen. Da ist einmal der demografische Wandel, der die Ausgaben erheblich in die Höhe treiben wird und gleichzeitig zu steigenden personellen Engpässen in Kliniken und Praxen führen könnte. Mehr ältere Menschen bedeutet eben auch mehr chronische Erkrankungen sowie mehr und längere Krankenhausaufenthalte und häufigere Arztbesuche. Es werden mehr Medikamente verschrieben und häufiger medizinische Geräte genutzt werden. Hinzu kommt: Die Pharmaindustrie und Medizintechnikhersteller leisten viel, um in Zukunft bessere Heilungschancen oder Therapieergebnisse zu erzielen. Doch auch diese Verfahren und Arzneien müssen bezahlt werden, und je größer die Erfolge in der Medizin, desto älter werden wir Menschen und desto mehr steigen wiederum die Gesundheitskosten. Es entsteht eine Spirale, die nach prinzipiellen Antworten ruft.

Komplexität beherrschen

Eine mögliche Maßnahme, um den Ausgabenanstieg zu bremsen und das hohe Versorgungsniveau aufrechtzuerhalten, ist die Digitalisierung. Sie kann helfen, die Komplexität im Gesundheitswesen zu beherrschen und das System effizienter zu gestalten. Zum Beispiel können Doppel- oder Mehrfachuntersuchungen vermieden werden, wenn bisherige Befunde so gespeichert werden, dass Ärzte sie finden.  Auch können digitale Technologien die Kommunikation zwischen den vielen Akteuren im Gesundheitswesen erheblich verbessern. Kliniken, Arztpraxen, Krankenkassen, medizinische Dienstleister oder Apotheken – sie alle sind an der Versorgung der Patienten beteiligt, wissen aber sehr oft wenig von dem, was anderswo bereits geleistet wurde. Wenn diese Kommunikation verbessert wird, steigt auch die Effizienz im Gesundheitssektor.

Geringe Budgets für Digitales

Die Frage ist, warum die digitalen Chancen und die entsprechenden Technologien, die längst vorhanden sind, nicht konsequenter genutzt werden. So gut die Gesundheitsversorgung in Deutschland auch funktioniert, die Weiterentwicklung des Systems ins Digitale fällt schwer. In skandinavischen Ländern, aber auch in Staaten wie Estland, den Niederlanden oder Spanien wird der Digitalisierungsgrad höher eingestuft. Während ein durchschnittliches Krankenhaus in Deutschland zwei Prozent seines Gesamtbudgets für digitale Aktivitäten ausgibt, sind es in den USA sechs bis sieben Prozent. Fehlt der politische Wille zur Transformation im Gesundheitswesen? Oder mangelt es an der Akzeptanz bei den Patientinnen und Patienten? Beharrt der Sektor selbst auf gewohnten Abläufen? Eines lässt sich gerade nach den Erfahrungen während der Coronapandemie eindeutig feststellen: Auf der Seite der Patientinnen und Patienten steigt tendenziell die Affinität für digitale Dienste. Heute werden Arzttermine digital vereinbart und auch virtuell vollzogen. Gesundheitsapps werden genutzt und Wearables, wie Smartwatches oder Fitness-Armbänder, gekauft.

Rohstoff des 21. Jahrhunderts

Nicht nur bei der Nutzung solcher digitalen Dienste: Ständig entstehen im Rahmen der Gesundheitsversorgung Informationen, die von unschätzbarem Wert sind. Daten gelten nicht umsonst als Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Die Basis von zielgerichteten Therapien in der Medizin sind schon heute sehr oft Gesundheitsdaten. Ohne dass große Datenmengen verarbeitet werden, können schon jetzt einige Erkrankungen nicht mehr auf modernstem Niveau behandelt werden. Und dennoch werden in Diskussionen um Daten im Gesundheitswesen die Risiken oft stärker betont als die Chancen. Insbesondere wenn es darum geht, die Daten für die kommerzielle Nutzung zur Verfügung zu stellen, ist die Zurückhaltung groß. Doch die Forschung braucht massenweise Daten, um Fortschritte zu erzielen. Medizinische Innovationen sind insofern eine Kollektivaufgabe. Nur wenn sehr viele Informationen zur Verfügung stehen, wird das Individuum von Erkenntnissen datenbasierter Forschung profitieren. Gerade die vernetzte Nutzung und Auswertung von anonymisierten Gesundheitsdaten wird künftig von zentraler Bedeutung für Forscherinnen und Forscher sein. Denn gerade dann wird die Wissenschaft schneller verstehen, warum eine Therapie bei dem einen Patienten erfolgreich ist und bei dem anderen nicht. So wird die Medizin besser in der Lage sein, Gesundheitsprognosen zu erstellen und Prävention auf individueller Ebene zu organisieren.

Strukturen schaffen bei der digitalen Vernetzung im Gesundheitswesen

Patientinnen und Patienten brauchen daher vor allem das Vertrauen in die Stellen, die mit ihren Gesundheitsinformationen arbeiten. Und sie müssen Eigentümer ihrer Daten bleiben. Datenschutz und Datensicherheit müssen ernst genommen werden. Vermutlich ist das der beste Weg, um den Vorbehalten gegen die Digitalisierung, die sich auf den Datenschutz berufen, zu begegnen. In den Fokus geraten in diesem Zusammenhang die Strukturen, in denen mit den Daten gearbeitet wird. Folgt auch der Gesundheitssektor eines Tages – wie andere Branchen – den Spielregeln der Plattformwirtschaft, könnten künftig Internetkonzerne an der Spitze der Wertschöpfungskette stehen. Schon jetzt sammeln die großen Plattformunternehmen Gesundheitsdaten und Kundenbeziehungen für entsprechende Dienste. Vielleicht wird aber in Deutschland auch eine nationale Gesundheitsplattform politisch durchgesetzt, bei der zum Beispiel die Krankenkassen eine wichtige Rolle spielen könnten. Mit der elektronischen Patientenakte werden bereits erste Schritte in diese Richtung gegangen.

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